Christine Lutz, Begleitende Kinesiologin
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Gelebte Zeit

 

Dies ist die Geschicht eines Mannes, den ich als Suchenden bezeichnen würde. Ein Suchender, ist jemand, der sucht, nicht unbedingt jemand, der findet.

Er war unterwegs ... ein Bronzetor lud ihn zum Eintreten ein.

Der Suchende durchschritt das Tor und begann langsam zwischen den weißen Steinen umherzuspazieren, die zwerstreut zwischen den Bäumen standen. Er ließ seinen Augen wie Schmetterlinge auf jedem Detail dieses farbenprächtigen Paradieses ruhen.

Seine Augen waren die eines Suchenden, und vielleicht erkannte er deshalb auf einem Stein jene Inschrift:

Abdul Tareg,

lebte 8 Jahre, 6 Monate, 2 Wochen und 3 Tage

Er erschrak ein wenig, als er merkte, dass der Stein nicht einfach nur ein Stein , sondern ein Grabstein war. Es schmerzte ihn, zu erfahren, dass ein so junges Menschenkind an diesem Ort begraben lag.

Als er sich weiter umschaute, bemerkte der Mann, dass auch der nächste Stein eine Inschrift trug. Er trat an ihn heran und las:

Yamir Kalib,

lebte 5 Jahre, 8 Monate und 3 Wochen

Der Suchende zeigte sich zutiefst erschüttert.

Dieser hübsche Ort war ein Friedhof und jeder Stein war ein Grab. Nach und nach begann er die einzelnen Grabsteine zu entziffern. Alle hatten sie ähnliche Inschriften: einen Namen und die genaue Lebenszeit des Toten. Was ihn aber derart in Schrecken versetzte, war die Tatsache, dass der älteste von ihnen kaum länger als elf Jahre gelebt hatte. Von unendlichem Schmerz überwältigt setzte er sich nieder und weinte.

Der Friedhofswärter kam des Weges und trat auf ihn zu. Er sah ihm eine Weile still beim Weinen zu und fragte ihn dann, ob er um einen Familienangehörigen trauere.

"Nein, kein Angehöriger," sagte der Suchende. "Aber was ist mit diesem Dorf geschehen? Von welchem Schrecken wird dieser Ort heimgesucht? Warum liegen hier so viele KInder begraben?Was für ein böser Fluch lastet auf diesen Menschen, dass sie einen Kinderfriedhof haben errichten müssen?"

Der Alte lächelte und sagte: "Beruhigen sie sich, es gibt keinen Fluch. Wir haben hier einen alten Brauch, ich werde ihnen davon erzählen:

Wenn ein Jugendlicher fünfzehn Jahre alt wird, schenken ihm seine Eltern ein kleines Heftchen, so wie dieses, das ich hier trage, und das hängt man sich um den Hals. Unser Brauch ist es, dass von diesem Moment an jeder Augenblick, in dem einem etwas sehr Schönes widerfährt, in diesem Büchlein festgehalten wird.

Links wird aufgeschrieben, was uns so glücklich gemacht hat.

Und rechts wie lange das Glück gedauert hat.

Seine künftige Braut kennengelernt und sich in sie verliebt zu haben. Wie lange dauert die große Leidenschaft, wie lange währt dieses Glück? Eine Woche? Zwei? Dreieinhalb?

Und dann der erste Kuss, wie lange dauert der große Zauber an? Einenhalb Minuten, so lange wie der Kuss? Zwei Tage? Eine Woche?

Schwanger zu werden und das erste Kind zur Welt zu bringen?

Die Hochzeit des Freundes?

Die lang ersehnte Traumreise?

Das erste Wiedersehen mit dem Bruder nach seiner Rückkehr aus einem fernen Land?

Wie lange dauert die Freude über diese Momente? Stunden? Tage?

Und so halten wir jeden Freudvollen Augenblick in diesem Büchlein fest. Jeden einzelnen. Und wenn jemand stirbt, so ist es unser Brauch, sein Büchlein aufzuschlagen und die Glücksmomente zusammen zu rechnen, um das Ergebnis auf sein Grab zu schreiben.

Denn für uns ist einzig und allein dies die wirklich gelebte Zeit."